Elsa Gindler (1885-1961)

Elsa Gindler hat in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Entwicklung der gymnastischen Bewegung in Deutschland mit geprägt. Sie löste sich jedoch früh von formal orientierter Körpererziehung. Die Auseinandersetzung mit dem Körper im Hinblick auf die akuten Probleme des täglichen Lebens wurde immer mehr zum Ziel ihrer Arbeit. „Dass man mit der derzeit üblichen Art des Vorgehens, auch wenn man die Übungen noch so differenziert abstuft, nicht an die eigentlichen Probleme kommt, wurde mir von Jahr zu Jahr klarer“(1), sagte sie 1931.

In ihrem Leben und Arbeiten hat sich Elsa Gindler von Empfindungen leiten lassen. In einer schweren Krankheitssituation kam ihr die Frage, ob nicht in der Natur selbst, auch im eigenen Körper, Bedingungen zu finden wären für die Mobilisierung von Abwehrkräften – für ein Wieder-Entstehen von Ordnung, also für Regeneration. Diese Art zu fragen und zu forschen hat sie auf einen Weg gebracht, den sie nie mehr verlassen hat: Vertraut werden mit der eigenen Natur und naturgesetzlichen Lebensbedingungen auf der Erde.

In der Zusammenarbeit mit Heinrich Jacoby, die 1924 begann, wurde deutlich, dass es in allen Bereichen darum geht, sich in Beziehung zu einem ungestörten Ablauf der Lebensprozesse des Organismus zu verhalten. „Natur studieren im eigenen Körper“(2) - dafür versuchte sie die Menschen aufgeschlossen werden zu lassen, damit sie „sich aus der Routine heraus arbeiten und immer erneut erfahren, wie die Qualität unserer Leistungen im Leben von unserem Zustand und unserem Verhalten bestimmt ist.“(3) „Unser Organismus ist ein riesiges Erfahrorgan, von dessen Ungestörtheit oder Gestimmtheit die Qualität der Wahrnehmungen und Handlungen und des Denkens abhängt.“(4) Elsa Gindler strebte bewusste Erfahrungen an, um deutlich unterscheiden zu können, dass und wie erpresste Leistungen sich grundsätzlich von solchen unterscheiden, die auf „gestimmtem Instrument“ erspielt worden sind.

In der Hitlerzeit war Elsa Gindlers Einstellung im Kampf gegen die Verbrechen des Regimes eindeutig. Viele Menschen haben in der Arbeit bei ihr die Möglichkeit gefunden, sich immer wieder Gelassenheit und Regeneration zu erarbeiten, um so auch die Jahre des Krieges dank der Hilfe durch die Arbeit besser zu überstehen, oder sich leichter in die völlig veränderten Lebensbedingungen der Emigration zu finden.

Elsa Gindler sah die Menschen eingeflochten in ihre Umgebung. Ihr Verständnis von „Ganzheitlichkeit“ stand jenseits des Widerspruchs von Theorie und Praxis. „Ich versuche, Ihnen eine Vision vom Menschen zu vermitteln, von seinen Möglichkeiten“(5), sagte sie. Gindlers Vision basierte auf Möglichkeiten, die allen offen stehen. Doch: „Wie wenig Menschen wissen noch, dass es einen Zustand des Dabeiseins, des wachen Aufnehmens gibt, der etwas völlig anderes ist als ‚aufpassen’ oder ‚beobachten’.“ Es war Elsa Gindlers Hauptanliegen, dass sich die Menschen, die in ihren Kursen mitarbeiteten, durch bewusste Erfahrungen und gemeinsame Auseinandersetzungen eine Basis schaffen konnten, auf deren Grundlage sie ihre Lebensaufgaben erkennen und ihnen wach begegnen konnten.

1) Vortrag für die Generalsversammlung des Deutschen Gymnastikbundes 1931 in: Elsa Gindler, von ihrem Leben und Wirken, wahrnehmen, was wir empfinden. Hrsg. von Sophie Ludwig, bearbeitet im Namen der Stiftung von Marianne Haag. Hamburg 2002, Christians, S. 98
2) Elsa Gindler, Kursnotiz Februar 1941. Archiv der Stiftung.
3) Elsa Gindler, Brief an Dr. Happ 13.12.1953. Archiv der Stiftung.
4) Elsa Gindler, Kursnotiz 5. 12.1952. In: Elsa Gindler, von ihrem Leben und Wirken, wahrnehmen, was wir empfinden. Hrsg. von Sophie Ludwig, Hamburg 2002, Christians, S.152
5) Elsa Gindler, Vortrag o.J., Manuskript, Archiv der Stiftung.